Sonstige: Anstieg von Landkonflikten und Morden an Indigenen in Brasilien im Jahr 2025
Kernfakten zum Anstieg der Gewalt
Im Jahr 2025 wurden laut dem Bericht des Missionarisch-Indigenistischen Rates (Cimi) 258 Indigene in Brasilien ermordet. Der Bericht weist zudem einen Anstieg aller drei von Cimi definierten Formen systemischer Gewalt gegen Indigene aus – Gewalt gegen Einzelpersonen, gegen ihr Eigentum und durch Unterlassung staatlicher Macht. Die Zahlen zeigen, dass 34 % der Opfer unter 19 Jahre alt waren, 41 % zwischen 20 und 29 Jahren und 57 % der Todesfälle als vermeidbar eingestuft wurden.
Ein besonders brutaler Fall
Am 12. Juli 2025 wurde der 21‑jährige Avá‑Guaraní-Indigener Everton Lopes Rodrigues in Guaíra, Bundesstaat Paraná, enthauptet gefunden. Neben der Leiche lag ein Brief mit Drohungen, in dem das Verbrennen von Schulbussen mit Kindern angekündigt wurde, falls die Indigenen das Land nicht verlassen. Rodrigues’ Vater, der lokale Häuptling Bernardo Rodrigues Diegro, erklärte gegenüber dem Nachrichtenportal G1: „Man sagt, unser Kopf habe Geldwert. Wir haben große Angst; letzte Nacht konnte niemand in unserer Gemeinschaft schlafen.“
Berichtsergebnisse zu Suiziden und vermeidbaren Todesfällen
Der Cimi‑Bericht nennt zudem einen Anstieg von Suiziden unter Indigenen. 34 % der Opfer waren jünger als 19 Jahre, 41 % zwischen 20 und 29 Jahren. Weiterhin wurden 57 % der gemeldeten Todesfälle als vermeidbar eingestuft, darunter viele Babys und Kinder.
Verfassungsrechtlicher Rahmen und das „Marco Temporal“
Die brasilianische Verfassung von 1988 erkennt die Rechte der Indigenen an ihren traditionellen Gebieten als vorrangig an. Seit Jahren wird jedoch versucht, das sogenannte „Marco Temporal“ einzuführen, das die Anspruchsberechtigung auf Gebiete auf den Stand vom 5. Oktober 1988 begrenzen würde. Das Bundesverfassungsgericht erklärte die These 2023 für verfassungswidrig und lehnte sie 2025 erneut ab, behielt jedoch Teile des Gesetzes bei, die die Demarkierung verzögern könnten.
Politischer Druck durch Gesetzesinitiativen
Im Kongress wird derzeit das Gesetz 6093/2023 diskutiert, das nach Cimi‑Angaben rund 98 % der noch ausstehenden Demarkierungsverfahren unpraktikabel machen könnte. Laut Cimi stehen noch 897 Indigene-Länder aus, davon haben 582 noch keinen Demarkierungsprozess begonnen. Der Bericht betont, dass die Gewalt nicht von den Angriffen auf Landrechte zu trennen sei.
Wirtschaftlicher Druck und Rohstoffprojekte
Zusätzlichen Druck üben wirtschaftliche Interessen aus, insbesondere die Regulierung von Bergbau, großen Infrastrukturprojekten zum Transport von Getreide und Erz sowie die Erschließung von Gas‑ und Ölvorkommen. Eine Studie der Vereinigung Apoinme, basierend auf Daten der Nationalen Ölagentur (ANP), identifizierte 84 Indigene-Länder, die von Gas‑ und Ölunternehmen betroffen sein könnten.
Stimmen aus der Indigenen Gemeinschaft
Bei der Pressekonferenz zum Cimi‑Bericht sprach die Indigene Tipuici Manoki aus dem Juruena-Flussbecken: „Wir sprechen von Leben, von Rechten. Vielleicht wären wir glücklich, wenn die Gewalt gegen uns abnehmen würde, doch sie steigt weiter.“ Sie verwies zudem auf frühere Belastungen durch Pestizide und Staudämme in ihrer Region.
Demografischer Kontext und laufende Ermittlungen
Nach der Volkszählung von 2022 identifizieren sich rund 1,6 Millionen Menschen von insgesamt 213 Millionen Brasilianern als Indigene – weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Bundespolizei leitet die Ermittlungen zum Mord an Everton Lopes Rodrigues und prüft mögliche Verbindungen zu den Drohungen gegen die Gemeinschaft.Dieser Bericht basiert auf Informationen von Global Voices, lizenziert unter Creative Commons BY. Offene journalistische Inhalte.
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