Eine bevölkerungsweite Kohortenstudie aus Wales hat gezeigt, dass sowohl eine Depression der Elternteile während der Schwangerschaft als auch die Einnahme von Antidepressiva mit einem erhöhten Risiko für sonderpädagogischen Förderbedarf (SEN) bei Schulkindern verbunden sind.
Studienaufbau und Datengrundlage
Die Untersuchung umfasste 167.447 Kinder, die zwischen 2009 und 2016 geboren wurden und bis 2022 nachverfolgt wurden (Durchschnittsalter 5,68 Jahre). Die Analyse nutzte verknüpfte Daten aus Primärversorgung, Geburtsregister und Schulsystem. Als Expositionen wurden mindestens ein Antidepressivum‑Rezept während der Schwangerschaft oder bis einen Monat vor der Empfängnis sowie eine Depression‑Diagnose der Elternteile in den zwei Jahren vor der Geburt definiert.
Expositionsgruppen
Von den Kindern waren 12.630 (7,6 %) unbehandelt depressiv, 7.005 (4,2 %) depressiv und medikamentös behandelt, und 5.996 (3,6 %) erhielten Antidepressiva ohne dokumentierte Depression.
Hauptergebnis: Sonderpädagogischer Förderbedarf
Die Analyse ergab für alle Kinder ein adjustiertes Odds Ratio (aOR) von 1,25 (95 % CI [1,20, 1,31]) für SEN bei depressiven Elternteilen und ein aOR von 1,46 (95 % CI [1,38, 1,56]) bei Antidepressiva‑Exposition.
Absolute Risikozunahme
Die vorhergesagte Wahrscheinlichkeit für SEN lag bei 26,5 % (95 % CI [25,5, 27,5]) für Kinder, deren Elternteil sowohl depressiv war als auch Antidepressiva einnahm, während sie bei nicht exponierten Kindern 20,0 % (95 % CI [19,8, 20,2]) betrug. Bei ausschließlich depressiven Elternteilen lag die Wahrscheinlichkeit bei 23,6 % (95 % CI [22,9, 24,3]), bei ausschließlich medikamentöser Exposition bei 26,3 % (95 % CI [25,3, 27,4]).
Spezifische Entwicklungsstörungen
Antidepressiva‑Exposition war zudem mit einem erhöhten Risiko für Autismus‑Spektrum‑Störung (aOR 1,59, 95 % CI [1,31, 1,92]) und Aufmerksamkeits‑Defizit‑Hyperaktivitäts‑Störung (adjustiertes Hazard Ratio 1,89, 95 % CI [1,57, 2,27]) assoziiert.
Unterschiede zwischen Medikamentenklassen
Kein einzelner Antidepressiva‑Klasse zeigte ein deutlich abweichendes Risiko, jedoch wiesen trizyklische Antidepressiva (TCAs) und Serotonin‑ und Noradrenalin‑Wiederaufnahmehemmer (SNRIs) signifikante Unterschiede in der absoluten Risikosteigerung im Vergleich zu unbehandelter Depression auf (jeweils 8,8 % absolute Zunahme, 95 % CI [3,2‑14,4] bzw. [2,6‑15,0]).
Einschränkungen und Schlussfolgerungen
Die Autoren betonen mögliche Confounder durch die Schwere der Depression, da Frauen mit Antidepressiva‑Rezepten tendenziell stärker betroffen sein könnten. Insgesamt lässt sich ein höheres SEN‑Risiko bei Kindern depressiver Elternteile feststellen, das nicht ausschließlich auf Antidepressiva zurückzuführen ist. Ein kleiner zusätzlicher Risikobeitrag durch Antidepressiva wird jedoch nicht ausgeschlossen. Weitere Forschung sei erforderlich, um den Einfluss von Depressionsschwere zu klären.
Dieser Bericht basiert auf Informationen von PLOS Medicine, lizenziert unter Creative Commons BY 4.0 (Open Access). Wissenschaftliche Inhalte, offen zugänglich.
Ende der Uebertragung