Eine aktuelle Untersuchung hat 83 stationär behandelte Jugendliche mit affektiven Störungen analysiert, darunter 58 Patienten mit suizidalen Gedanken und Verhaltensweisen (STB) und 25 Patienten ohne STB, sowie 118 gesunde Kontrollpersonen, die nach Alter und Geschlecht abgeglichen waren. Die Teilnehmenden absolvierten eine Entscheidungsaufgabe, in der sie zwischen sicheren und riskanten Optionen wählen mussten, und gaben gleichzeitig momentane Stimmungsbewertungen ab. Ziel der Studie war es, die kognitiven und affektiven Prozesse zu identifizieren, die das erhöhte Risikoverhalten bei STB erklären könnten.
Verhaltensbefunde
Die Verhaltensanalysen zeigten, dass die Gruppe mit STB signifikant häufiger riskante Optionen wählte als sowohl die Gruppe ohne STB als auch die gesunden Kontrollen. Dieses Muster deutet auf ein verstärktes Risikoappetit bei Jugendlichen mit suizidalen Gedanken hin.
Computational Modeling
Zur Erklärung des Verhaltens wurde ein Entscheidungsmodell auf Basis der Prospect-Theorie eingesetzt, das zusätzlich parameterunabhängige Annäherungs‑ und Vermeidungswerte berücksichtigte. Die Modellierung ergab, dass das erhöhte Risikoverhalten primär durch einen gesteigerten Annäherungsparameter bei den STB‑Patienten getrieben wird, während andere Parameter keine signifikanten Unterschiede aufwiesen.
Stimmungsanalyse
Parallel dazu wurde die Beziehung zwischen Stimmung und Entscheidungsfindung untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass die STB‑Patienten eine verminderte Empfindlichkeit gegenüber sicheren Belohnungen im Vergleich zu den anderen Gruppen aufwiesen. Bei den STB‑Patienten korrelierte eine geringere Stimmungsreaktion auf sichere Belohnungen mit einer höheren Neigung zu riskanten Entscheidungen.
Vorhersagekraft
Die identifizierten computergestützten Signaturen ließen sich auf die Schwere der suizidalen Symptome übertragen und erwiesen sich zudem in einer unabhängigen Stichprobe aus der Allgemeinbevölkerung (n = 747) als generalisierbar. Damit bieten die Modelle ein potenzielles Werkzeug zur Abschätzung des Suizidrisikos.
Robustheit der Ergebnisse
Die Befunde blieben stabil, nachdem demografische Merkmale, klinische Diagnosen und medikamentöse Behandlungen als Kontrollvariablen berücksichtigt wurden. Dies unterstreicht die Unabhängigkeit der beobachteten Zusammenhänge von konventionellen Risikofaktoren.
Bedeutung für Prävention
Die Studie liefert Hinweise darauf, dass kognitive und affektive Mechanismen, insbesondere ein erhöhter Annäherungsdrang und eine reduzierte Stimmungsreaktion auf sichere Belohnungen, zentrale Rollen im Risiko für suizidales Verhalten spielen. Diese Erkenntnisse könnten künftig in Früherkennungs‑ und Interventionsstrategien einfließen, um gefährdete Jugendliche gezielter zu unterstützen.
Dieser Bericht basiert auf Informationen von eLife, lizenziert unter Creative Commons BY 4.0 (Open Access).
Ende der Uebertragung