EU: ECB-Boardmitglied fordert Ausbau euro‑sicherer Anlagen
Am 22. April 2026 hielt Philip R. Lane, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, eine Grundsatzrede auf einem gemeinsamen Workshop des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken und des Wissenschaftlichen Ausschusses zum Thema „Ein europäischer sicherer Vermögenswert und Finanzstabilität“ in Frankfurt am Main. Er wies darauf hin, dass die aktuelle Finanzarchitektur des Euroraums nicht ausreichend euro‑denominierte sichere Vermögenswerte bereitstelle und stellte mehrere Optionen zur Erweiterung des Bestands vor.
Definition und aktueller Engpass
Ein sicherer Vermögenswert soll hochliquide sein und in Stressphasen im Wert steigen, um als Absicherung gegenüber risikobehafteten Anlagen zu dienen. Derzeit übernimmt die deutsche Bundesanleihe (Bund) diese Funktion, ist jedoch im Verhältnis zur Größe des Euroraums und des globalen Finanzsystems zu knapp bemessen.
Reformen und verbleibende LĂĽcken
Seit der Finanzkrise 2008 haben Reformen wie die Kapitalisierung des Bankensektors, das einheitliche Aufsichtsmechanismus, makroprudenzielle Maßnahmen und das Europäische Stabilitätsmechanismus‑Programm die institutionelle Widerstandsfähigkeit erhöht. Trotzdem bleibt der Bestand an nationalen Anleihen zu volatil, um vollständig als sichere Vermögenswerte zu fungieren.
Vorschläge für gemeinsame Anleihen
Lane stellte mehrere Konzepte vor: die Emission gemeinsamer EU‑Anleihen, das „blaue/rote‑Anleihe“-Modell, bei dem ein Teil der Steuereinnahmen für die Bedienung gemeinsamer Anleihen reserviert wird, und das Konzept der sovereign‑bond‑backed securities (SBBS), bei dem ein Portfolio nationaler Anleihen in tranchenbasierte Wertpapiere umgewandelt wird. Beide Ansätze erfordern ein ausreichendes Emissionsvolumen, um die notwendige Marktliquidität zu erzeugen.
Liquidity‑Facility‑Erweiterungen
Die kürzlich überarbeitete EUREP‑Repo‑Einrichtung soll euro‑denominierte Vermögenswerte für globale Investoren attraktiver machen und im Falle von Liquiditätsengpässen außerhalb des Euroraums schnelle Unterstützung bieten.
Governance‑Herausforderungen
Die Erweiterung gemeinsamer Schulden wirft Governance‑Fragen auf, insbesondere wenn die Teilnehmer eines Programms nicht exakt den aktuellen EU‑Mitgliedstaaten entsprechen. Innovative Governance‑Modelle könnten erforderlich sein, um die Koordination von Programmablauf und -finanzierung zu sichern.
Quantitative Beispiele
Ein Szenario sieht vor, dass blaue Anleihen ein Volumen von 25 % des BIP erreichen. Bei durchschnittlichen Renditen von 2 % bis 4 % würden die Bedienungskosten etwa 0,5 % bis 1 % des BIP an reservierten Steuereinnahmen erfordern – ein signifikanter, aber nicht überwiegender Anteil der derzeitigen Steuerquote von 20 % bis 40 % des BIP im Euroraum.
Ausblick
Lane betonte, dass ein größerer Bestand gemeinsamer euro‑denominierter Schulden das Angebot sicherer Vermögenswerte erhöhen und damit die Nachfrage von Investoren weltweit besser befriedigen könne. Die Umsetzung erfordere jedoch abgestimmte politische Entscheidungen und geeignete Marktinfrastrukturen.
Dieser Bericht basiert auf Informationen von Europäische Zentralbank, lizenziert unter Creative Commons BY 4.0 (Europäische Union). Enthält Informationen von Organen der Europäischen Union.
Ende der Ăśbertragung