Am 30. April 2026 sprach Luis de Guindos, Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, im Interview mit der spanischen Tageszeitung El PaĂs ĂĽber die aktuelle Geldpolitik, die wirtschaftliche Lage der Eurozone und die strategische Ausrichtung Europas.
Monetäre Haltung und Inflationsentwicklung
De Guindos beschreibt sich selbst als mittig positionierten Entscheidungsträger. Während er 2022 zu den ersten gehörte, die eine Zinserhöhung forderten, betont er heute mehr Vorsicht, weil die Inflation von einem Höchststand von 10 % auf rund 2 % zurückgegangen ist.
Finanzpolitischer Kontext
Er erinnert an die außergewöhnlichen Maßnahmen der Pandemiezeit: Die EZB stellte dem Bankensektor rund 2 Billionen Euro zur Verfügung und erwarb weitere 2 Billionen Euro an Anleihen, während gleichzeitig die Zinsen im negativen Bereich lagen. Im Gegensatz dazu steht die gegenwärtige geopolitische Lage, die ein zurückhaltendes Vorgehen erfordert.
Spanische Wirtschaft im Fokus
Der Vizepräsident weist darauf hin, dass steigende Energiepreise die Inflation schneller beeinflussen als das Wachstum. Trotz nachlassender Konsumenten‑ und Unternehmens‑vertrauen sieht er in Spaniens stabile Finanzsystem und wettbewerbsfähiger Wirtschaft wichtige Stärken, während das Haushaltsdefizit weiter reduziert werden müsse.
Bankensektor und europäische Integration
De Guindos plädiert für einen einheitlichen Rechtsrahmen für Banken im Euroraum, um Kapital‑ und Liquiditätsflüsse frei zu ermöglichen. Er nennt das geplante UniCredit‑Commerzbank‑Projekt als Beispiel für notwendige grenzüberschreitende Konsolidierung und kritisiert zugleich den wachsenden politischen Nationalismus in den Mitgliedstaaten.
Gemeinsame Finanzierungsinstrumente
Er erinnert an die erste gemeinsame Schuldenemission im Rahmen von Next Generation EU und betont, dass solche Initiativen das Vertrauen stärken. Für zukünftige Verteidigungsausgaben sieht er ebenfalls die Möglichkeit gemeinsamer Finanzierung als europäischen öffentlichen Nutzen.
Auswirkungen der US‑Politik
Der Wechsel zur neuen US‑Administration bringe laut De Guindos Veränderungen bei Zöllen, Bankenregulierung und Krypto‑Asset‑Regulierung mit sich, die die europäische Wirtschaft und Finanzmärkte aufmerksam beobachten müsse.
ZukĂĽnftige FĂĽhrungsstruktur der EZB
Im Juni wird Spanien keinen Sitz mehr im EZB‑Exekutivrat haben; innerhalb von 18 Monaten werden drei Sitze, darunter der Präsidentenposten, vakant. De Guindos nennt den ehemaligen spanischen Zentralbankgouverneur Pablo Hernández de Cos als Favoriten für einen neuen Sitz und betont die Bedeutung einer spanischen Vertretung im Rat.
Schlussbetrachtung
Abschließend hebt De Guindos die Glaubwürdigkeit der EZB hervor: Die Erwartung, dass die Inflation von über 10 % auf 2 % zurückkehren würde, sei ein Zeichen des Vertrauens in die Geldpolitik. Trotz vergangener Krisen sei die Institution heute geeinter und handlungsfähiger.
Dieser Bericht basiert auf Informationen von Europäische Zentralbank, lizenziert unter Creative Commons BY 4.0 (Europäische Union). Enthält Informationen von Organen der Europäischen Union.
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