Der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, Boris Vujčić, hielt am 2. Oktober 2026 in Frankfurt am Main eine Rede im Rahmen der zehnten Jahreskonferenz des Europäischen Ausschusses für Systemische Risiken (ESRB). Er erläuterte dabei die Notwendigkeit, die regulatorischen Rahmenbedingungen für Banken zu vereinfachen und gleichzeitig die finanzielle Integration im Binnenmarkt zu stärken.
Hintergrund der Rede
Der ESRB feierte im Jahr 2026 sein 15‑jähriges Bestehen. Die Einrichtung wurde nach der globalen Finanzkrise von der de Larosière‑Gruppe empfohlen, um Risiken im Finanzsystem auf EU‑Ebene zu überwachen. Vujčić betonte, dass die vergangenen Krisen gezeigt haben, dass finanzielle Instabilität erhebliche Kosten von rund 7 % des BIP für fortgeschrittene Volkswirtschaften verursachen kann.
Vorschläge zur Vereinfachung der Regulierung
Der EZB‑Rat hatte im vergangenen Jahr Empfehlungen zur Reduktion von Komplexität im Bankenregulierungsrahmen vorgelegt. Vorgeschlagen wurde, die Kapitalpuffer zu einem nicht freigebbaren Puffer (Kombination aus Kapitalerhaltungspuffer und systemisch wichtigen Institutionen‑Puffer) und einem freigebbaren Puffer (Kombination aus konjunkturellem Kapitalpuffer und systemischem Risikopuffer) zusammenzuführen. Ebenso soll das Leverage‑Ratio‑System auf einen Mindestwert von 3 % und einen einzigen Puffer reduziert werden. Für die Abwicklungsregelungen wurde ein stärkerer Abgleich von MREL und TLAC empfohlen, und ein vereinfachtes Regime für kleine und nicht komplexe Institute soll eingeführt werden.
Beurteilung der Wettbewerbsfähigkeit
Vujčić erklärte, dass Wettbewerbsfähigkeit mehrere Dimensionen umfasst: Rentabilität, Effizienz, Innovationsfähigkeit, Investitionskapazität und die Attraktivität von Eigenkapital. Seit 2009 habe das mittlere Tier‑1‑Verhältnis im Euroraum von etwa 8 % auf über 16 % zugenommen, während die Eigenkapitalrendite nach der Pandemie historische Höchststände erreichte. Das Kurs‑zu‑Buch‑Verhältnis stieg von unter 1 auf rund 1,5, was auf eine verbesserte Bewertung europäischer Banken hindeutet.
Auswirkungen der Kapitalanforderungen
Der Vizepräsident verwies auf akademische Studien, die einen differenzierten Zusammenhang zwischen Kapitalanforderungen und Kreditvergabe zeigen. In Phasen mit schwacher Profitabilität und hohen notleidenden Krediten wurden höhere Kapitalanforderungen mit einer Reduktion der Kreditvergabe assoziiert. In jüngeren, wirtschaftlich stabileren Perioden hingegen sei der Effekt begrenzt, da gut kapitalisierte Institute regulatorische Belastungen durch einbehaltene Gewinne ausgleichen können.
Aktuelle Lage 2026
Die Finanzberichte der Banken für das zweite Quartal 2026 zeigten weiter steigende Nettozinserträge und Gebühreneinnahmen. Das Eigenkapital wuchs vor allem durch einbehaltene Gewinne, während die Risikogewichteten Aktiva moderat zunahmen. Trotz dieser positiven Entwicklung blieb die Kreditnachfrage gedämpft, und Institute betonten, dass strengere Kreditstandards eher auf Risikowahrnehmungen und makroökonomische Unsicherheit zurückzuführen seien als auf Kapitalengpässe.
Finanzielle Integration als Wettbewerbsfaktor
Vujčić schloss, dass die langfristige Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit europäischer Banken weniger von einer Reduktion der Kapitalpuffer abhänge, sondern vielmehr von einer tieferen finanziellen Integration im Binnenmarkt. Einheitliche Standards und größere Skaleneffekte könnten laut seiner Einschätzung zu einer nachhaltigeren Kreditversorgung und zu mehr Innovationskraft führen.
Dieser Bericht basiert auf Informationen von Europäische Zentralbank, lizenziert unter Creative Commons BY 4.0 (Europäische Union). Enthält Informationen von Organen der Europäischen Union.
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