Zwischen September 2024 und September 2025 haben europäische Länder mindestens 36.611 Tonnen Abfall nach Marokko geschickt, wo sie im Rahmen von 416 Genehmigungen in Zementöfen im Raum Casablanca-Settat verbrannt werden. Die betroffenen Gemeinden berichten von stark belasteter Luft und gesundheitlichen Beschwerden, insbesondere in Mediouna, einem Stadtteil südöstlich von Casablanca.
Wirtschaftliche Anreize
Europäische Unternehmen sparen laut Schätzungen rund 52 Millionen USD jährlich, weil die Behandlung von Abfall in Europa etwa 100 USD pro Tonne kostet, während der Transport und das Verbrennen in Marokko nur 36‑39 USD pro Tonne beansprucht. Auf die von Marokko im Jahr 2024 gemeldeten 821.500 Tonnen importierten Abfall entfallen damit Kostenersparnisse von etwa 50 Millionen USD pro Jahr.
Handelsströme und Länderbeteiligung
Spanien ist mit einem monatlichen Höchstvolumen von 4,5 Millionen kg der größte Exporteur, während alle anderen EU‑Staaten zusammen deutlich weniger beisteuern. Insgesamt umfassen die gemeldeten Importe neben Kleidung, Plastik, Papier und Elektronik weitere 517.000 Tonnen Eisenmetalle und 200.600 Tonnen organische Rückstände, die von europäischen Exporteuren als Rohstoff statt als Abfall deklariert werden.
Rechtlicher Rahmen und Schlupfloch
Die Basler Konvention soll das Dumpen gefährlicher Abfälle in ärmere Länder verhindern. In der Praxis wandelt ein einzelnes Wort auf dem Zolldokument – von „Abfall“ zu „sekundärem Rohstoff“ – die Ware von einer regulierten Substanz in ein unreguliertes Gut um. Nach EU‑Recht gilt das Verbrennen von Abfall in Zementöfen als „Energiegewinnung“ und nicht als „Entsorgung“, wodurch die Exporte aus den nationalen Recyclingbilanzen herausgerechnet werden können.
Gesundheitliche Folgen vor Ort
Studien zeigen, dass das Co‑Processing von gefährlichen Abfällen in Zementöfen die Emission von Dioxinen um das Vierfache erhöhen kann. In Marokko wird die Exposition gegenüber Zementstaub bereits mit chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen in Verbindung gebracht. Bewohner von Mediouna berichten von anhaltendem Husten und Schlafstörungen, weil der Geruch des verbrannten Abfalls mehrere Kilometer weit reicht.
Reaktionen der marokkanischen Behörden
Die marokkanische Regierung hat im August 2024 die Genehmigung für über zwei Millionen Tonnen zusätzlicher Importe erteilt. Gleichzeitig hat die Weltbank im November 2024 ein Programm über 250 Millionen USD zur Modernisierung von Deponien beschlossen, weil die bestehenden Anlagen, darunter die in Mediouna, bereits an ihrer Kapazitätsgrenze arbeiten.
EU‑Politik und zukünftige Beschränkungen
Ab November 2026 plant die EU ein Verbot von Plastikabfällen für Nicht‑OECD‑Länder wie Marokko; weitere Nicht‑Gefahrengüter sollen ab Mai 2027 folgen, sofern das Zielland nicht auf einer genehmigten Liste steht. Die italienische Abgeordnete Cristina Guarda (Grüne/EFA) warnt, dass diese Praxis „Opferzonen“ außerhalb Europas schaffe.
Unternehmensverantwortung
Der Rechtsdirektor Miriam Saage‑Maaß vom Europäischen Zentrum für Verfassungs‑ und Menschenrechte betont, dass die aktuelle EU‑Richtlinie zur Unternehmensnachhaltigkeit die Verantwortung der Exporteure nach dem Verlassen des Hafens nicht klar definiere. Ob europäische Firmen für die Verbrennung in marokkanischen Öfen haftbar gemacht werden können, hinge laut seiner Aussage von der direkten Verknüpfung zwischen Exporteur und Brennprozess ab.
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