Aktuelle Lage und Wachstumsaussichten
Die Europäische Zentralbank hat in Genf betont, dass das nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte Wachstumsmodell der EU an mehrere Schwächungen stößt. Laut Präsident Lagarde wuchs die Eurozone im vergangenen Jahr um 1,5 % und verzeichnete im zweiten Quartal 2026 ein vierteljährliches Wachstum von 0,4 % – getrieben von der Inlandsnachfrage. Die Inlandsnachfrage bleibt laut den makroökonomischen Projektionen die wichtigste Triebkraft für das laufende Jahr.
Handel als erste Säule
Der Redner wies darauf hin, dass Europa früher von einem stark geöffneten Handel profitierte, der etwa doppelt so umfangreich war wie in den USA. Im vergangenen Jahr wurden jedoch weltweit mehr als 2 500 Handelsschranken eingeführt, was die Annahme eines freien Handels als gegeben in Frage stellt.
Industrie, Energie und Wettbewerb
Lagarde erklärte, dass die mitteltechnische Fertigung Europas, die bislang von relativ günstiger Energie profitierte, nun unter Druck stehe. China konkurriere heute in rund 40 % der Sektoren, in denen die Eurozone früher einen Vorteil hatte – gegenüber etwa 25 % zu Beginn der 2000er‑Jahre. Zudem lagen die Strompreise für energieintensive Unternehmen in der EU im Vorjahr durchschnittlich mehr als doppelt so hoch wie in den USA und etwa 50 % über dem Niveau in China.
Globale Ordnung und Sicherheitsumfeld
Der Präsident betonte, dass das bislang stabile, regelbasierte globale Ordnungssystem, das von einem US‑Sicherheitsdach unterstützt wurde, derzeit unter Druck stehe. Geopolitische Spannungen erhöhen die Risiken von wirtschaftlichen Abhängigkeiten und können Investitionsentscheidungen negativ beeinflussen.
Stärken und Potenziale der EU
Dennoch verwies Lagarde auf erhebliche Stärken: Die EU verfügt über das weltweit größte Netzwerk von Freihandelsabkommen, das kürzlich um Partner wie Indien, Indonesien, Australien, Mexiko und den Mercosur erweitert wurde. Die Region besitzt weltweit führende Fertigungskompetenzen in Bereichen wie Lithografie und Präzisionsoptik, eine hochqualifizierte Arbeitskraft – in Deutschland etwa 35 % der Bachelor‑Absolventen studieren MINT‑Fächer – und einen integrierten Binnenmarkt von 27 Mitgliedstaaten und 450 Millionen Konsumenten.
Fragmentierung und Reformbedarf
Lagarde identifizierte zwei zentrale Barrieren: die Fragmentierung des Binnenmarktes und die Zersplitterung der Kapitalmärkte. Studien zeigen, dass ein Anstieg des wahrgenommenen Anteils inländischer Wettbewerber, die in KI investieren, die eigene KI‑Investitionsrate um 0,6 %punkte pro Prozentpunkt erhöht, jedoch meist innerhalb nationaler Grenzen bleibt. Gleichzeitig erhalten europäische Scale‑Ups im zehnten Betriebsjahr rund 50 % weniger Finanzierung als ihre Gegenstücke in San Francisco, und etwa 12 % verlagern ihren Sitz außerhalb der EU, vornehmlich in die USA.
Politische Initiativen
Als Reaktion auf diese Herausforderungen werden Maßnahmen wie das vorgeschlagene „EU Inc.“ – eine einheitliche Rechtsform für Unternehmen in der gesamten Union – und ein verstärktes Vorantreiben der Kapitalmarktunion diskutiert. Ziel sei es, die Skalierbarkeit von Unternehmen zu erhöhen, die Diffusion neuer Technologien zu beschleunigen und die Produktivität langfristig zu steigern.Dieser Bericht basiert auf Informationen von Europäische Zentralbank, lizenziert unter Creative Commons BY 4.0 (Europäische Union). Enthält Informationen von Organen der Europäischen Union.
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