Sonstige: KI‑gestützte Forschung zu Polizeigewalt in Brasilien
Im Oktober 2025 kam es in einer Favela von Rio de Janeiro zu einer Polizeirazzia, bei der 122 Menschen starben – das bislang tödlichste Einsatzszenario des Landes. In den Tagen nach dem Vorfall zeigten Umfragen weiterhin eine breite Zustimmung der Bevölkerung zu solchen Maßnahmen, obwohl Studien belegen, dass die Einsätze die Kriminalitätsrate nicht senken. Vor diesem Hintergrund entwickelten das brasilianische Institut Fogo Cruzado und das britische Future Narratives Lab ein KI‑basiertes Interview‑Tool, um die Gründe für die anhaltende Unterstützung zu untersuchen.
Hintergrund und öffentlicher Kontext
Im Jahr 2023 verzeichnete Brasilien 45.747 intentional gewalttätige Todesfälle, ein Wert, der zu den höchsten weltweit zählt. Die anhaltende Akzeptanz von Polizeigewalt wird von vielen Forschern als Ausdruck von Angst, Fatalismus und Desensibilisierung beschrieben. Die Studie zielte darauf ab, mögliche Ansatzpunkte zu identifizieren, die das Narrativ in der Bevölkerung verändern könnten.
Einsatz des KI‑Interviewers und Methodik
Der entwickelte Chat‑Bot ermöglichte 28 qualitative Interviews, die jeweils bis zu 30 Minuten dauerten. Die Teilnehmenden wurden anhand vorheriger Desk‑Research‑Ergebnisse ausgewählt: Sie gaben an, evangelisch oder katholisch zu sein, hatten keinen Hochschulabschluss und verfügten über ein Haushaltseinkommen von weniger als 500 BRL (ca. 98 USD). Der Interviewer stellte offene Fragen, etwa nach den Assoziationen zum Begriff „Gewalt“ in Brasilien, und reichte offizielle Daten zu sinkenden Mordzahlen zur Reaktion ein.
Ergebnisse der Interviews
Die Befragungen zeigten, dass die meisten Teilnehmenden die Polizeieinsätze eher als Folge mangelnder Vorbereitung denn als absichtliche Brutalität wahrnahmen. Drei zentrale Botschaften kristallisierten sich heraus: fehlende Einsatzbereitschaft der Polizei, unschuldige Opfer durch Streifschüsse und die Unwirksamkeit der Razzien bei der Bekämpfung der Ursachen von Kriminalität. Überraschend war, dass evangelische Befragte weniger Unterstützung zeigten als andere Gruppen und ihre Antworten von moralischen Überlegungen zu Erlösung und Misstrauen gegenüber Eliten geprägt waren.
Test der Botschaften im RCT
Auf Basis der Interviewergebnisse wurde ein randomisiertes Kontrollstudien‑Design (RCT) mit über 500 Personen aus der zuvor definierten Zielgruppe durchgeführt. Die Botschaft, die am stärksten die Unterstützung für Polizeiraids reduzierte, betonte die mangelnde Ausbildung der Polizei: „Die Polizei ist nicht ausreichend trainiert, sodass Einsätze in dicht besiedelten Favelas zu mehr Schießereien und unschuldigen Opfern führen.“ Andere, stärker emotionsgeladene Narrative, etwa die Betonung von Opfern oder struktureller Ungerechtigkeit, erzielten geringere Effekte.
Bedeutung fĂĽr zivilgesellschaftliche Arbeit
Die Studie demonstriert, dass KI‑gestützte Interviews kostengünstig und zeiteffizient tiefgehende Erkenntnisse liefern können, die sonst nur durch langwierige Feldforschung erreichbar wären. Durch die Weitergabe der Methodik an rund 20 brasilianische Organisationen im Rahmen eines Kommunikationscamps soll das Vorgehen vor den Landtagswahlen 2026 breit angewendet werden, um das öffentliche Sicherheitsdebatte zu beeinflussen.
Ausblick und ethische Ăśberlegungen
Die Entwickler betonen, dass der Einsatz von KI stets ethisch geprüft werden muss, insbesondere hinsichtlich Datenschutz, Nutzung von Open‑Source‑Modellen und der ökologischen Auswirkungen von Rechenzentren. Zukünftige Schritte sehen den Verzicht auf proprietäre Modelle wie Claude oder ChatGPT vor, um die Privatsphäre der Teilnehmenden zu schützen und höhere Standards zu gewährleisten.
Dieser Bericht basiert auf Informationen von Global Voices, lizenziert unter Creative Commons BY. Offene journalistische Inhalte.
Ende der Uebertragung