In Casablanca erhalten viele Musiker ihr Einkommen fast ausschließlich über Trinkgelder, während feste Verträge selten sind. Der 28‑jährige Walid Rakik, der regelmäßig in verschiedenen Lokalen auftritt, muss sich mit einer Aufteilung der Abendtipps von drei Personen begnügen, weil andere Vergütungsformen kaum existieren.
Entwicklung der Musikszene
Seit dem frühen 20. Jahrhundert hat sich das Nachtleben der Stadt von kolonialen Strandbars zu einem vielfältigen Netzwerk aus Jazz‑Lounges, Tarab‑Cafés und westlich geprägten Clubs entwickelt. Die Liberalisierung der marokkanischen Wirtschaft um die Jahrtausendwende führte zu einer wachsenden Mittelklasse, die vermehrt lokale Live‑Musik nachfragte.
Vielfältige Repertoires und Anforderungen
Musiker müssen häufig drei bis fünf unterschiedliche Sets spielen, die von traditionellem Chaabi über orientalischen Tarab bis hin zu westlichen Pop‑Hits reichen. Synthesizer‑Spieler Aymane Fattal betont, dass die Fähigkeit, spontan auf Anfragen zu reagieren, zu den Kernkompetenzen gehört.
Lokale Nachfrage und Publikum
Im Gegensatz zu touristisch geprägten Städten wie Marrakesch richtet sich das Angebot in Casablanca vornehmlich an einheimische Liebhaber. Laut Gitarrist Hani Hilali erwarten die Besucher ein hohes Maß an musikalischer Qualität und verlangen nach authentischen Live‑Performances.
Prekäre Vergütungsmodelle
Während etablierte Veranstaltungsorte wie Le Backstage vertragliche Regelungen anbieten, basieren viele mittlere Lokale auf Trinkgeld‑Systemen, die keine Transparenz gewährleisten. Synthesizer‑Spieler Fattal erklärt, dass mündliche Absprachen und Barzahlungen dort die Regel seien.
Initiativen für bessere Rahmenbedingungen
Der Sänger Yassine Filali gründete die Vereinigung Jeunesse pour la Culture l’Art et l’Education, um jungen Musikern beim Zugang zu Künstlerkarten und dem Status des Auto‑Entrepreneurs zu helfen. Diese Maßnahmen sollen die soziale Absicherung und steuerliche Pflichten vereinfachen.
Ausblick und Handlungsbedarf
Experten wie Hilali fordern mehr strukturelle Unterstützung für die Szene, etwa durch standardisierte Vertragsmodelle und gezielte Förderungen kultureller Programme. Ohne solche Maßnahmen könnte die wachsende Zahl an Auftritten die Qualität der Live‑Musik weiter unter Druck setzen.
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