International: Venezuela muss Milliarden für Wiederaufbau nach Erdbeben aufbringen
Drei Wochen nach den verheerenden Erdbeben an Venezuelas Küste ist die offizielle Todeszahl auf fast 5.000 angestiegen, während rund 18.000 Bürger weiterhin vertrieben sind. Erste Schätzungen für die direkten physischen Schäden liegen zwischen 6,7 Milliarden USD und 37 Milliarden USD, wobei die Gesamtkosten für Wiederaufbau und wirtschaftliche Erholung auf 12 bis 15 Milliarden USD oder sogar höher geschätzt werden.
Methodik der Schadensbewertung
Die internationale Standardmethode zur Bewertung von Katastrophenfolgen stammt von der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC). Sie unterscheidet zwischen Schaden (Zerstörung von Sachwerten), Verlusten (ausgefallene Produktion und Dienstleistungen) und zusätzlichen Kosten (außerordentliche Ausgaben für Notfallmaßnahmen). Die Methode liefert zudem Schätzungen für den Finanzierungsbedarf von Wiederaufbau und Rekonstruktion.
Verschiedene Kostenschätzungen
Der Entwicklungsplan der Vereinten Nationen (UNDP) schätzt die direkten Verluste auf 6,7 Milliarden USD (Spanne 4,7–8,7 Milliarden USD), etwa sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der venezolanische Ökonom Asdrúbal Oliveros rechnet mit 7‑9 Milliarden USD und sieht die Gesamtkosten für die Wiederaufbauphase bei 12‑15 Milliarden USD. Das Büro der Vereinten Nationen für Katastrophenvorsorge (UNDRR) gibt hingegen eine deutlich höhere Zahl von rund 37 Milliarden USD an, was fast 40 % des BIP entspricht.
Regionale Auswirkungen
Die meisten Zerstörungen konzentrieren sich auf den Bundesstaat La Guaira und Teile von Caracas. In La Guaira sind etwa sieben von zehn beschädigten Gebäuden im Stadtteil Catia La Mar zu verzeichnen, während Caraballeda besonders stark betroffen ist. Der Flughafen Simón Bolívar, das wichtigste internationale Tor des Landes, musste zeitweise schließen, was den Tourismus und die regionale Wirtschaft erheblich beeinträchtigt.
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen
Venezuela befindet sich in einer tiefen Wirtschaftskrise: Das Bruttoinlandsprodukt ist um rund 75 % geschrumpft, die Hyperinflation hat über 300.000 % erreicht und das Finanzsystem ist stark geschwächt. Seit 2017 befindet sich das Land sowie das staatliche Ölunternehmen PDVSA im Zahlungsverzug gegenüber externen Gläubigern, deren Schulden laut Financial Times etwa 240 Milliarden USD betragen. Diese Situation schließt den Zugang zu internationalen Kapitalmärkten weitgehend aus.
Finanzierungsansätze
Der Vizepräsident für den Wirtschaftsbereich, Calixto Ortega, betont laufende Verhandlungen zur Umschuldung, während Ökonom Leonardo Vera warnt, dass Umschuldung allein nicht ausreiche. Die interimistische Präsidentin Delcy Rodríguez hat einen Wiederaufbaufonds von 200 Millionen USD aus venezolanischen IMF‑Reserven eingerichtet. Zusätzlich hat die Entwicklungsbank der Länder Lateinamerikas und der Karibik (CAF) einen Fonds zur Mobilisierung öffentlicher und privater Ressourcen eingerichtet. Bisher decken diese Mittel jedoch nur einen Bruchteil der geschätzten Gesamtkosten.
Ausblick
Angesichts der enormen Schadenssummen und der eingeschränkten Finanzierungsfähigkeit des Landes wird ein erheblicher externer Finanzierungsbedarf erwartet. Internationale Hilfsorganisationen, multilaterale Finanzinstitutionen und private Spender werden laut Experten entscheidend sein, um die Wiederaufbauarbeiten zu ermöglichen und die wirtschaftliche Erholung zu sichern.
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